1. Einleitung: Der Traum vom eigenen Laden – und die harte Realität
Stellen Sie sich vor, Sie haben ein brillantes kulinarisches Konzept – aber bevor der erste Teller angerichtet ist, stehen fünfstellige Beträge für Abluftanlage, Kühlhaus, Fettabscheider und Kaution im Raum. Ein Szenario, das vielen Gründern nur ein resigniertes Kopfschütteln entlockt.
Doch ähnlich wie Coworking-Spaces die Büroarbeit revolutioniert haben, entstehen nun Co-Kitchens: professionelle, vollständig ausgestattete Gewerbeküchen, die flexibel und bezahlbar genutzt werden können. Die Logik dahinter ist simpel: Infrastruktur teilen statt alleine finanzieren – und damit Gründern wie etablierten Gastronomen den Weg zu mehr Innovation, Flexibilität und Wachstum ebnen.
2. Was ist eine Co-Kitchen?
Co-Kitchens sind lizensierte, professionell ausgestattete Gewerbeküchen, die von mehreren Gastronomieunternehmen gleichzeitig oder versetzt genutzt werden. Statt eine Immobilie zu mieten oder neu auszustatten, buchen Betriebe Küchenzeiten – stunden-, tage- oder monatsweise.
Damit unterscheiden sie sich klar von reinen Ghost Kitchens, die oft anonym agieren und primär auf Delivery-Volumen setzen. Inkubatoren wie Foodlab Hamburg oder Herd Wien haben eine ganz andere Mission: Sie schaffen eine Community, bieten Mentoring, Workshops und die Möglichkeit, neue Konzepte am Markt zu testen.
Die Betreiber vergleichen das Geschäftsmodell gern mit einem Fitnessstudio – man zahlt für den Zugang zur Infrastruktur, nicht für den Besitz der Geräte. Marko Ertl, Mitgründer von Herd Wien, beschreibt es treffend: „Sich hier einzumieten ist am ehesten vergleichbar mit einer Fitnessstudio-Mitgliedschaft.“
Für Gründer heißt das: weniger Risiko, schnellere Lernkurven und ein Umfeld, das inspiriert statt abschreckt.
3. Die Vorteile: Flexibilität trifft Profi-Equipment
Was macht Co-Kitchens so attraktiv – nicht nur für Startups, sondern zunehmend auch für Hotels, Caterer und etablierte Gastro-Marken?
1. Drastische Kostenreduktion
Wer heute eine eigene Profi-Küche aufbaut, landet schnell zwischen 50.000 und 150.000 Euro Startkapital – konservativ geschätzt. Eine Co-Kitchen verlangt dagegen nur eine flexible Miete, teilweise ab wenigen hundert Euro pro Monat oder Tag.
Caterer wie „Balten & Balten“ zahlen beispielsweise rund 250 Euro pro Produktionstag (Stand: Erfahrungswert aus 2024). Gründer Jesko Balten formuliert es pragmatisch: „Das Anmieten im Foodlab kostet nur Geld an solchen Tagen, an denen ich auch Geld einnehme. So kann ich organisch wachsen.“
2. Compliance inklusive
Hygiene, HACCP, Gewerbeamt – all das ist bereits erledigt. Die Küchen sind geprüft und einsatzbereit. Was für Einzelgründer monatelange Vorbereitung bedeutet, ist hier Plug-and-Play.
3. Höchste Flexibilität
Ideal für Caterer, saisonale Betriebe oder Produzenten von Feinkost, Saucen oder verpackten Lebensmitteln. Wenn der Auftrag kommt, bucht man Zeit. An ruhigen Tagen bleiben die Fixkosten niedrig.
Ein Hotelier brachte es im Gespräch auf den Punkt: „Wir nutzen externe Mietküchen mittlerweile für Spitzenzeiten im Catering, um unsere Hotelküche nicht zu blockieren.“
4. Skalierbarkeit ohne Standortwechsel
Wächst das Geschäftsvolumen, bucht man einfach mehr Stunden oder zusätzliche Stationen. Kein Umzug, keine Umbaukosten – maximales Wachstum bei minimalem Aufwand.
Für viele Gründer ist das eine Art Sicherheitsnetz: investieren, aber nur so viel, wie das Geschäft tatsächlich hergibt.
4. Best Practice DACH: Foodlab & Herd
Zwei Beispiele zeigen, wie unterschiedlich – und wie erfolgreich – dieser Ansatz in der Praxis funktioniert.
Foodlab Hamburg: Mehr als nur eine Küche
Das Foodlab in der Hamburger Hafencity, gegründet von Christin Siegemund, ist weit mehr als eine Produktionsküche. Es kombiniert Coworking, eine voll ausgestattete Co-Kitchen und sogar ein eigenes Pop-up-Restaurant, in dem Gründer ihre Konzepte am realen Gast testen können.
Dazu kommen Workshops, Netzwerkevents und ein Accelerator-Programm, das Food-Startups strukturiert auf den Markteintritt vorbereitet.
Christin Siegemund beschreibt den Ansatz so: „Food-Start-ups bekommen im Foodlab genau das, was sie brauchen: einen Arbeitsplatz im Coworking Space, in den Küchen sowie Workshops, Netzwerk und Sichtbarkeit.“
Für Gründer wie Balten & Balten ist das ein enormer Hebel. Statt Fixkosten zu stemmen, produzieren sie nur dann, wenn Aufträge hereinkommen – und wachsen Schritt für Schritt.
Mehr Informationen liefert der ausführliche Branchenbericht von B&L Medien: „Foodlab vermietet Küche an Gründer“ auf blgastro.de.
Herd – Open Kitchen Wien: Start-ups zwischen Edelstahl und Silicon-Valley-Spirit
Herd im 10. Wiener Bezirk wurde von den beiden „Wrapstars“-Gründern aus der eigenen Not heraus geboren. Auf 700 Quadratmetern bietet die Open Kitchen Produktionsflächen, Lagerraum und Platz für Food-Startups, die professionell arbeiten wollen, aber keine eigene Fläche anmieten können.
Einige Alumni – wie Rebel Meat oder I Eat Vienna – haben hier ihre ersten Produktionsschritte gemacht, bevor sie gewachsen sind.
Der Archivartikel „Herd – das Wiener Silicon Valley der Gastronomie“ auf gastro.news liefert dazu einen spannenden Einblick.
Mehr Infos und aktuelle Projekte finden Sie zudem auf herd.wien.
5. Die „Gastro-WG“: Synergien nutzen
Neben der finanziellen und logistischen Entlastung profitieren Co-Kitchen-Nutzer enorm vom sozialen Aspekt: Die Community.
In diesen „Gastro-WGs“ treffen ambitionierte Gründer auf erfahrene Köche, Foodtruck-Betreiber auf Feinkostproduzenten, und manchmal entstehen sogar gemeinsame Projekte oder Marken.
Ein Beispiel aus dem Alltag: Ein Gründer tüftelt an einer veganen Sauce, während nebenan ein Cafébesitzer an neuen Gebäckkreationen arbeitet. Man probiert, tauscht Feedback aus, empfiehlt Lieferanten – und spart Wochen an Fehlversuchen.
Foodlab & Herd bieten außerdem gezielte Mentoring-Programme, um typische Anfängerfehler zu vermeiden.
Gleichzeitig zeigen Konzepte wie die auf Gastivo.de vorgestellte „Gastro-WG“ im Gastraum – Café am Tag, Bar am Abend – dass geteilte Nutzung längst nicht nur in der Küche funktioniert. Die Kombination aus geteiltem Front- und Back-of-House eröffnet völlig neue Geschäftsmodelle.
Fazit & Ausblick
Co-Kitchens senken die Eintrittsbarrieren in die Gastronomie drastisch. Sie machen professionelles Arbeiten ohne hohes Risiko möglich, bieten flexible Nutzung und schaffen eine Community, die Gründer wie etablierte Betriebe weiterbringt.
Für Caterer, Food-Startups und Hotellerie‑Teams, die saisonale Spitzen abfedern wollen, sind sie heute oft die wirtschaftlichste Lösung.
Und der Trend zeigt: Mit steigenden Mieten und wachsender Sharing Economy werden sich diese Konzepte weiter durchsetzen – erweitert um mehr Coaching, mehr Kollaboration und womöglich sogar modulare Gasträume.
Wenn Sie jetzt prüfen, wie Co-Kitchens in Ihr Geschäftsmodell passen könnten, sind Sie der Konkurrenz vielleicht schon einen Schritt voraus.
Kurz-Check für Ihren Betrieb
- Brauchen Sie Flexibilität bei Catering oder saisonalen Peaks?
- Möchten Sie neue Konzepte testen, ohne gleich eine eigene Küche einzurichten?
- Suchen Sie Zugang zu Profi-Equipment, Netzwerk oder Mentoring?
- Ist Ihre eigene Küche ausgelastet – oder überlastet?
Wenn Sie mindestens einmal genickt haben: Co-Kitchens könnten genau das Richtige für Sie sein.