Mittwoch, 11. Februar 2026 GastroNews – Magazin für Profis
Nachhaltigkeit

Der Siegel-Kompass: Welche Zertifikate für Hotellerie und Gastronomie wirklich zählen

Nachhaltigkeit ist längst kein Nice-to-have mehr – Gäste und Firmenkunden verlangen handfeste Nachweise. Doch zwischen über 200 Siegeln den Überblick zu behalten, ist selbst für Profis schwierig. Dieser Artikel sortiert die wichtigsten Labels, erklärt, was sie bringen, und zeigt, woran Sie echte Qualität erkennen.

1. Orientierung im Dschungel

Stellen Sie sich vor, Sie stehen vor einer Wand voller Logos, Plaketten und grüner Blätter – jedes verspricht Nachhaltigkeit. Genau so fühlt sich für viele Betriebe der aktuelle Siegelmarkt an. Weltweit existieren über 200 Tourismuslabels, wie der Tourismus Labelguide zeigt. Für Hoteliers und Gastronomen wird die Wahl aber immer relevanter: Privatgäste filtern zunehmend nach „nachhaltigen“ Angeboten, nicht zuletzt, weil Buchungsplattformen wie Booking.com entsprechende Filter einsetzen. Und im Corporate-Bereich gilt oft: Ohne Nachhaltigkeitszertifikat keine Chance mehr auf Tagungen oder Geschäftsreisende.

Ein Hotelier bringt es auf den Punkt: „Seit wir zertifiziert sind, kommen wir bei Ausschreibungen für Tagungen wieder in die engere Wahl. Für viele Konzerne ist das mittlerweile ein K.O.-Kriterium.“ In diesem Umfeld entscheidet die Qualität des Siegels über Glaubwürdigkeit – und darüber, ob das Engagement als Marketing-Schmuck oder echter Wettbewerbsvorteil wahrgenommen wird.

2. Produkt- vs. Betriebssiegel

Bevor es an die Auswahl geht, ist eine Unterscheidung entscheidend: Handelt es sich um ein Produktsiegel – oder wird der gesamte Betrieb bewertet?

Produkte wie Kaffee, Reinigungsmittel oder Fleisch können bio-, fair- oder ressourcenschonend produziert sein. Typische Produktsiegel sind Fairtrade, das EU-Bio-Logo oder der Blaue Engel. Sie sagen etwas über die eingekauften Waren aus – nicht aber darüber, wie Ihr Restaurant oder Hotel arbeitet.

Management- bzw. Betriebssiegel hingegen prüfen das große Ganze: Energie, Wasser, Abfall, Lieferketten, Mitarbeitende und teilweise auch soziale Verantwortung. Beispiele sind EMAS, Green Key oder GreenSign.

In der Praxis führt das oft zu Missverständnissen: Ein Restaurant kann zu 80 Prozent mit Bio-Produkten kochen und trotzdem kein nachhaltiger Betrieb sein, etwa wenn Energie verschwendet oder Abfälle kaum getrennt werden. Umgekehrt kann ein Hotel ein strenges Betriebssiegel tragen, aber im Einkauf nur punktuell auf zertifizierte Ware setzen.

Wer sich systematisch nachhaltiger aufstellen will, braucht daher meist eine Mischung aus beidem.

3. Die „Big Player“ für Hotels & Locations

Unter den vielen Labels stechen einige besonders hervor – durch internationale Anerkennung, staatliche Trägerschaft oder strenge externe Prüfungen. Ein Überblick über die wichtigsten Akteure im DACH-Raum:

Green Key

Eines der weltweit am stärksten verbreiteten Tourismus-Siegel und deshalb ein Favorit für Häuser mit internationaler Gästestruktur. Green Key ist GSTC-anerkannt und verbindet Umweltmanagement mit einem klaren Fokus auf Bildung und Sensibilisierung. Für viele Hotelketten ist es ein Standardwerkzeug, um Nachhaltigkeit messbar zu machen.

GreenSign

Vor allem im deutschsprachigen Raum wächst GreenSign rasant. Das Besondere: ein fünfstufiges System, das den Fortschritt sichtbar macht. Von Level 1 bis 5 steigert sich der Anspruch, was für Betriebe praktisch ist, die sich Schritt für Schritt entwickeln wollen. Die Kriterien umfassen Umwelt, Wirtschaftlichkeit und soziale Aspekte und sind öffentlich einsehbar.

Österreichisches Umweltzeichen / EU Ecolabel

Staatlich getragen, streng geprüft – und in Österreich nahezu der Goldstandard. Das Umweltzeichen hat hohe Glaubwürdigkeit, weil jede Vergabe eine unabhängige Auditierung voraussetzt. Auch das EU Ecolabel folgt klar definierten Kriterien, die europaweit gelten. Wer diese Plakette trägt, zeigt „echte Substanz statt Grünfärbung“.

TourCert

TourCert kombiniert Zertifizierung mit intensiver Prozessbegleitung. Der Fokus liegt auf CSR und der Befähigung des Teams, eigene Ziele zu setzen und zu kontrollieren. Für Häuser, die eine starke interne Verankerung ihrer Nachhaltigkeitsstrategie wollen, ist das ein spannender Ansatz.

EarthCheck

Wissenschaftsbasiert, datengetrieben, stark im internationalen Resort- und MICE-Segment. EarthCheck arbeitet mit Benchmarks und Kennzahlen und eignet sich daher besonders für größere Betriebe oder Hotelgruppen. Durch die GSTC-Anerkennung bietet es hohe Glaubwürdigkeit – allerdings auch einen gewissen Aufwand bei der Datenerhebung.

4. Bio & Fairtrade in der Küche

Nachhaltigkeit entscheidet sich nicht nur am Hoteleingang, sondern auch auf der Speisekarte. Wer „Bio“ kommuniziert – sei es ein einzelnes Gericht oder die gesamte Linie – muss die rechtlichen Vorgaben der EU-Bio-Verordnung kennen. Das bedeutet: Sobald Sie Bio-Zutaten offensiv ausloben, benötigen Sie eine Zertifizierung durch eine zugelassene Kontrollstelle. Ausnahmen wie Kleinstmengenregelungen existieren, sind aber komplex und werden häufig missverstanden.

Für viele Gastronomiebetriebe lohnt sich der Schritt dennoch: Bio bleibt ein starkes Verkaufsargument. Die Verbände Demeter und Bioland setzen noch strengere Maßstäbe und sprechen besonders qualitätsbewusste Gäste an, etwa in Farm-to-Table-Konzepten.

Für Kaffee, Kakao oder Bananen spielen Fairtrade oder die Rainforest Alliance eine Rolle. Diese Siegel zeigen soziale Verantwortung in globalen Lieferketten – ein Aspekt, der in der öffentlichen Debatte stark gewonnen hat.

5. Checkliste: Ein gutes Siegel erkennen

Wie unterscheiden Sie seriöse Zertifikate von reinen Marketing-Logos? Ein Nachhaltigkeitsberater bringt es treffend auf den Punkt: „Ein Siegel, das man sich einfach online herunterladen kann, nachdem man drei Fragen beantwortet hat, ist kein Qualitätsnachweis, sondern ein Risiko für die eigene Reputation.“

Achten Sie besonders auf:

Auch Verbraucherzentralen warnen immer wieder vor „Label-Salat“. Nur staatliche oder extern geprüfte Siegel bieten echte Orientierung.

Fazit: Investition vs. Nutzen

Zertifizierungen kosten Zeit, Geld und interne Ressourcen – aber sie bringen auch messbare Vorteile. Sie schaffen Vertrauen bei Gästen, verbessern die Chancen im MICE- und Firmenkundengeschäft und schützen vor Greenwashing-Vorwürfen. Vor allem Siegel mit unabhängigen Audits und klaren Kriterien zahlen sich aus, während reine Selbstauskünfte mehr schaden als nutzen.

In den nächsten Jahren dürfte der Druck weiter steigen: ESG-Vorgaben, EU-Regulierungen und neue Filterfunktionen auf Buchungsplattformen machen Nachhaltigkeit sichtbarer – und damit relevanter. Wer jetzt in ein glaubwürdiges System investiert, ist seiner Konkurrenz einen Schritt voraus.

Kurz-Check für Ihren Betrieb

(Optionaler Hinweis: Bildideen aus der Research-Datei liegen der Redaktion vor.)

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